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Ich gebe zu, ich komme ein bisschen zu spät zu dieser Diskussion, weil ich erst jetzt dazu komme, die diversen mental als »Muss ich noch lesen« vermerkten Zeitungsseiten und offenen Firefox-Tabs zu sichten.
Martin Mosebachs Blasphemieverbotsforderungsessay sticht aber auch über einen Monat später noch heraus. In seinem für meine Begriffe etwas kruden Text schreibt Mosebach nach Ausführungen dazu, dass staatliche bzw. religiöse Zensur auch stilförderlich wirken kann (wie die bekannte Künstlermetropole Pjöngjang eindrucksvoll belegt), unter anderem folgenden Satz:
»Heute ist Blasphemie, wenn sie sich nicht gegen den Propheten Mohammed richtet, vollständig risikolos.«

Dies entspricht weitgehend den Tatsachen.
Allerdings bedaure ich dies im Gegensatz zu Mosebach nicht. Ich bin sogar der Ansicht, dass die Risikolosigkeit von Blasphemie ein wesentlicher zivilisatorischer Fortschritt ist.

Ähnliches entgegnete übrigens ein damals noch nicht vollkommen verbitterter John Cleese 1979 in einer BBC-Sendung dem christlichen Journalisten Malcolm Muggeridge (Link hier – fragliche Stelle ab ca. 33 Minuten). Der hatte zuvor den – auch heute bzgl. des Titanic-Covers gern verwendeten – Vergleich aufgestellt, dass Monty Python ein großes Problem hätten, wenn sie nicht Jesus Christus als Hintergrundgeschichte für »Das Leben des Brian« gewählt hätten, sondern Mohammed. Cleese entgegnete: »Sie haben recht, Malcolm. Vor 400 Jahren wären wir für diesen Film auf dem Scheiterhaufen gelandet. Ich behaupte allerdings, dass wir seitdem Fortschritte gemacht haben.«

Mosebach arbeitet sich in der Folge daran ab, dass Satire in der Bundesrepublik Deutschland als Kunst unter dem Schutz des Grundgesetzes steht. Eine Tatsache, die er für überflüssig und eigentlich nicht zu rechtfertigen hält.
»Blasphemie als lässige Attitüde oder als kalkulierte Spielerei ist billig und feige, ihr künstlerischer Ertrag bleibt dementsprechend gering.«

Was ich an diesem Absatz so spannend wie abstoßend finde, ist, dass Mosebach sich hier nicht bloß zum Kunstkritiker aufschwingt, sondern qua Essay zwischen »Kunst« und »Nicht-Kunst«, d.h. »wertlosem Schund«, unterscheidet. An dieser Stelle fühlte ich mich bereits – Mosebachs eigentliches Thema ist schließlich die Blasphemie – an die Fatwa gegen Salman Rushdie erinnert. Wenn ich Mosebach richtig verstehe, kann man eigentlich wenig gegen diese Fatwa haben, wenn man grundsätzlich – am besten natürlich aus echten oder vorgeschobenen religiösen Gründen – »Die satanischen Verse« für ein nicht besonders gutes Buch hielte. Damit hätte man natürlich eine ideale Waffe, alles aus der Welt zu verbannen, was einem persönlich nicht in den Kram passt.
Als ich das so dachte, habe ich mir auf die Finger dafür gehauen, Mosebach in meinem Kopf in eine derart finstere Ecke zu stellen.
Diese Selbstschelte musste ich unverzüglich zurücknehmen, denn wenige Sätze später bestätigt Mosebach mich. Er stellt fest, dass er sich nicht echauffieren kann, wenn Muslime »blasphemischen Künstlern […] einen gewaltigen Schrecken einjagen.« Eine euphemistische Verkleidung, die es in ihrer Perfidität locker mit dem Begriff »Kollateralschaden« aufnehmen kann.
Dazu passt, dass Mosebach zuletzt noch folgendes erklärt:

»Der Künstler, der in sich den Ruf fühlt, eine gesellschaftliche Konvention, den Glauben derjenigen, für die Gott anwesend ist oder auch ein Gesetz für seine Kunst verletzen zu müssen, der ist – davon bin ich überzeugt – dazu verpflichtet, diesem Ruf zu folgen. Die daraus entstehenden Unkosten wird er generös begleichen, auch wenn sie seine Existenz gefährden.«

Ich halte diese Einlassung für verachtenswert und abgrundtief zynisch. Mosebach fordert hier selbst die Errichtung höherer Hürden und ist sich sogar bewusst, dass diese für viele existenzbedrohend wären. Ein in seinen Augen »echter« Künstler hat dies nicht nur in Kauf zu nehmen, sondern geradezu dankbar als Ausweis seines Künstlertums zu begrüßen.
Das perfide daran ist, dass es dieser Logik zufolge letztlich egal ist, aus welchem Grund ein Künstler verfolgt wird. Ein in Mosebachs Augen »echter« Künstler akzeptiert die Verfolgung ganz selbstverständlich. Der Schöpfer minderwertiger Kunst andererseits darf sich ebenfalls nicht beschweren, da er lediglich die Quittung für Blasphemie bei gleichzeitig geringem künstlerischen Ertrag bekommt.
Vielleicht ist es nach dem Vorangegangenen meine böse Fantasie, aber ich meine da die Schadenfreude des Autors deutlich zu erkennen, die sich mit einer kruden Mischung aus alttestamentarischer Selbstgerechtigkeit und Armer-Künstler-Romantik umgibt. Wer sich nicht gut genug überlegt, was er schreibt, der soll gefälligst dankbar sein für die Prozesskosten (im besten Fall) oder die Aufwendungen für ständiges Umziehen zum Schutz der eigenen körperlichen Unversehrtheit (im immer noch nicht schlimmsten Fall).

Siehe auch: http://www.freitag.de/autoren/stefanhetzel/religios-korrekt

[Am 14. August 2012 auf Layout beschränkt bearbeitet.]

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