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Ich habe nun über einer Woche gebraucht, so etwas wie eine Meinung zur Heimreise der Ruderin Nadja Drygalla von den olympischen Spielen in London zu haben. Das bedarf deshalb der Erwähnung, weil ich mich normalerweise nicht ganz so schwer damit tue, eine Meinung oder wenigstens Einschätzung zu etwas zu entwickeln. Sofern mich das Grundthema interessiert.
Ich habe zuerst mit Schulterzucken reagiert, als ich davon hörte, dass eine Sportlerin wegen einer privaten Beziehung zu einem Neonazi-Kader nach Hause geschickt wurde. Beziehungsweise nach Hause gegangen ist. Beziehungsweise darum gebeten wurde, freiwillig nach Hause zu gehen. Die Welt ist ja so kompliziert heutzutage.

Alle überrascht?

Was mich allerdings zunächst mehr beschäftigt als die Frage, wer die Abreise nun initiiert hat, ist die Frage, warum alle Beteiligten so unvorbereitet gewesen zu sein scheinen. Drygalla quittierte im vergangenen Jahr bereits von sich aus den Polizeidienst. Anlass war damals schon ihre Beziehung zu Michael Fischer, nachdem – gemäß Drygallas Darstellung – ihre Vorgesetzten Zweifel ob ihrer Loyalität geäußert hatten. Auch im Olympischen Ruderclub Rostock, wo Drygalla trainiert, war die Beziehung Thema. Allerdings sah man nach Gesprächen mit Drygalla keinen weiteren Handlungsbedarf. (Quelle – ZAPP-Beitrag „Die Medien im Fall Drygalla“ vom 10. August 2012. Abgerufen am 14. August 2012.)

Drygallas Beziehung mit einem Neonazi war also bekannt. Man hat sie dann aber einfach vergessen, vielleicht auch vergessen wollen. Während der olympischen Spiele wurde die Beziehung noch einmal an die Medien lanciert und plötzlich waren wie gesagt alle überrascht.
Der deutsche Ruderverband und auch der Chef de Mission, Michael Vesper zum Beispiel. Die konnten eben nicht erklären: »Wir haben bereits vor Beginn der Spiele mit Frau Drygalla über den Sachverhalt gesprochen und sehen kein Problem.« Stattdessen überschlugen sie sich darin, hastig Gespräche mit der Ruderin zu führen und zu erklären, dass sie sich nichts habe zuschulden kommen lassen und »auf dem Boden des Grundgesetzes« stehe. Womit sich die Frage stellt, warum Drygalla trotzdem nach Hause geflogen ist. Zumal sie eh keine Wettkämpfe mehr zu bestreiten hatte. Diese Frage impliziert allerdings, dass die Funktionäre Drygalla zur Rückreise drängten und sie diese Entscheidung nicht selbst traf. Ob dem so war oder nicht, ist inzwischen müßig zu erörtern, solang kein Tonband der Unterredungen auftaucht. SPIEGEL (siehe hier), ZEIT (Jens Jessen in DIE ZEIT 32/2012) und andere haben sich bereits eingeschossen auf die glücklos agierenden Funktionäre. Es kommt kaum der Hauch eines Zweifels daran auf, dass Drygalla lügt, wenn sie sagt »Im Laufe des Gesprächs und einer Beratung habe ich von mir aus den Vorschlag gemacht, dass ich aus dem olympischen Dorf abreise. Es war meine Entscheidung.« (Siehe ihr Interview mit der dpa.)
Womit wir bei Nadja Drygalla selbst wären, die auch ganz überrascht war von der Diskussion um sie und ihre Beziehung. In ihren eigenen Worten: »In welchem Maße das alles kam, hatte ich nicht erwartet, […] Ich hielt das Thema für mich persönlich schon vor den Olympischen Spielen für erledigt.«
Das überrascht mich wiederum. Spätestens seit ihrem Rückzug aus dem Polizeidienst musste ihr klar sein, dass ihre Beziehung in manchen Fällen nicht bloß Privatsache ist. Zu dem Zeitpunkt musste sie sich damit auseinandersetzen, welche Gesinnungen ihr Lebensgefährte vertritt und wie sie selbst auch gegenüber einer Öffentlichkeit dazu steht. Man kann davon überrascht sein, wie hoch das Thema nun gekocht ist, aber überrascht davon, dass das Thema überhaupt noch einmal auf den Tisch kam?
Wenn es tatsächlich stimmt, dass das Thema für sie schon vor den Olympischen Spielen erledigt war: Warum ist sie dann abgereist und hat erst drei Tage später per dpa-Interview erklärt, dass ihr Freund seit Mai nicht mehr in der NPD ist?

»Glücklos« ist wohl das treffende Adjektiv für das Handeln aller direkt Beteiligten. Wobei ich tatsächlich geneigt bin zu glauben, dass Nadja Drygalla selbst kein Neonazi ist. Wie ich auch geneigt bin, ihr zu glauben, dass sie von sich aus abgereist ist. Sie wirkt – was ich ihr keinesfalls vorwerfe – nicht sehr erfahren im Umgang mit den Medien und wollte mit ihrer Abreise vielleicht einfach einem Spießrutenlauf im während der Spiele reichlich mit Reportern gesegneten London entgehen.

Damit könnte man es nun eigentlich bewenden lassen was die Akteure selbst betrifft. Ich sehe zum einen momentan keine Gründe dafür, Drygalla in Zukunft nicht mehr für Deutschland in Wettbewerben antreten zu lassen; zum anderen hoffe ich auch, dass der Deutsche Olympische Sportbund ein wenig dazu gelernt hat, wie er sich in Zukunft geschickter verhalten könnte.

Die Kommentatoren

Dass ich es nun doch nicht bei diesem eigentlich versönlichen, wenn auch mit etwas schalem Nachgeschmack behafteten, Fazit belassen kann, liegt an den Medien.
Einige von Ihnen, insbesondere die gedruckte ZEIT, überschlugen sich darin, das Vorgehen gegen Drygalla zu verurteilen.
Dies ignoriert zunächst einmal die Tatsache, dass ich nach wie vor keine eindeutigen Belege für ein gezieltes Vorgehen des DOSB gegen die Ruderin entdecken kann. Die einzige Sanktion bisher war die Heimreise (bereits nach dem Ende der Wettkämpfe für sie). Selbst die ist als Sanktion nicht eindeutig belegt, denn ob Drygalla nun freiwillig, aufgefordert freiwillig oder in Gänze unfreiwillig abgereist ist, wissen wir nach wie vor nicht zuverlässig. Trotz Beigeschmack.
Was ich aber noch viel merkwürdiger finde, ist, dass in dem Eifer, gegen eine Art »Kontaktinfektion« anzuschreiben, schon die bloße Frage nach Drygallas Gesinnung als geradezu unanständig verurteilt wurde.
Und da würde ich dann doch widersprechen.

Ich finde es durchaus in Ordnung, zu fragen, wie es jemand mit dem Grundgesetz hält, wenn dieser jemand mit einer Person liiert ist, die Mitglied einer rechtsextremen Gruppierung ist. Zumal, wenn außerdem bekannt ist, dass der betreffende Partner im Februar 2012 eine Gedenkveranstaltung für ein NSU-Opfer störte (wie ausgerechnet ein Blog auf zeit.de bereits damals berichtete) und dass gegen ihn momentan eben deswegen ein Verfahren wegen schweren Landfriedensbruchs läuft (sieh hier). Derartige Nachfragen bei Ehe- und Lebenspartnern scheinen mir in anderen Fällen durchaus üblich zu sein.

Ich kann zu guter Letzt nicht umhin, mich über die Scheinheiligkeit der Medien zu mockieren, auch wenn das ein schon sehr ausgetretener Pfad ist, auf dem es wenig Neues zu entdecken gibt.

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob nicht dieselben Medien, die Drygalla nun verteidigen, über sie (und den DOSB) hergefallen wären, wenn sie eine Medaille gewonnen hätte und ihre Beziehung zu Fischer erst dann öffentlich geworden wäre. Unerklärlicher ist mir, dass ausgerechnet Drygalla in den meisten Medien nun herhalten muss als Exempel dafür, dass die Gesellschaft Menschen nicht nach ihrer Partnerwahl beurteilen sollte.

Der zeitweise Rücktritt des nordirischen Regierungschefs Peter Robinson im Jahr 2010 aufgrund einer Affäre, die seine Frau mit einem 19-Jährigen hatte (fragwürdige Investmentzahlungen inklusive), blieb in Deutschland weitestgehend unbeachtet (hier ein Bericht der FTD Online – damals nahm Robinson die Amtsgeschäfte erst nach einer Untersuchung wieder auf, die ihm selbst kein Fehlverhalten nachwies). Aber ich erinnere mich auch an keine ausufernden Verteidigungsschriften für Christian von Boetticher, als dieser vor genau einem Jahr wegen einer zweimonatigen, strafrechtlich irrelevanten Beziehung mit einer damals 16-Jährigen zurücktrat. Das bezüglich Drygalla heute gern angeführte Argument, dass nichts Verbotenes geschehen sei, galt damals im Grunde genauso wie heute. Aber es ist natürlich etwas schwieriger, Leitartikel zu schreiben, die einen 40 Jahre alten, etwas hemdsärmeligen CDU-Politiker verteidigen, der eine Affäre mit einer Minderjährigen hatte.
Womit ich diese Affäre so wenig verteidigen will wie die Beziehung zu einem Neonazi. Ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass ich es erstens unter Umständen durchaus legitim finde, nachzufragen, wenn eben Fragen zu einer Beziehung im Raum stehen. Und dass zweitens die moralischen Maßstäbe vieler Medien eben doch nicht in jedem Fall gleich kompromisslos angelegt werden.

Letzteres ist zugegebenermaßen keine besonders originelle Erkenntnis, aber vielleicht ist es doch ganz gut, sich diese von Zeit zu Zeit in Erinnerung zu rufen.

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