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Ich mag keine Beschwerden über zu hohe Benzinpreise mehr hören.

Ich möchte deshalb hiermit etwas klarstellen, womit die Meckerei meines Erachtens ein für allemal vom Tisch sein sollte:

Benzin wird auch in Zukunft immer teurer.

(Jedenfalls solang genügend Leute genügend Benzin verbrauchen. Sobald das nicht mehr der Fall ist, interessiert der Benzinpreis auch niemanden mehr.)
Ob durch Steuern, Konzerne oder steigende Nachfrage bei schrumpfenden Vorräten ist letztlich egal. Die Folgen bleiben dieselben.

Darüber kann man ja einfach mal vor dem nächsten Autokauf oder auch nur der nächsten Autobenutzung nachdenken.


Bevor sich nun jemand beschwert hier schreibe ein Ökofundi, der selbst kein Auto besitzt und von seinem hohen Ross herunter anderen die Welt erklärt: Mitnichten. Ich pendele jeden Tag knapp 17km zur Arbeit und dieselbe Strecke zurück. Außerdem wohne und arbeite ich in Irland, d.h. ich bekomme keine Pendlerpauschale. Der Liter Super kostet bei der örtlichen Tankstelle momentan 169,9 Cent. Unser Auto wird Mitte 2013 zehn Jahre alt sein und sollte mindestens weitere zwei bis drei Jahre halten. Der Verbrauch liegt aktuell bei 6,2 bis 6,5 Liter Super auf 100km (was zu meiner eigenen Überraschung recht genau den Werksangaben entspricht).
Das Fahrrad scheidet als Alternative zum Auto aus – irisches Wetter, Sie verstehen. (Wer meint, der deutsche Sommer sei nicht so dolle gewesen, der schaue sich die Temperaturkurven und Niederschlagsmengen 2012 in Irland an.) Der Bus wäre allerdings im Grunde möglich; mein Arbeitsplatz liegt außerhalb, es gibt jedoch einen Shuttleservice. Dies wäre aber mit früherem Aufstehen und einmal Umsteigen mit ungewissem Ausgang verbunden, da Bus Éireann sich nicht mit dem privaten Shuttlebus abspricht. Trotzdem: Insgesamt fahre ich auch aus Bequemlichkeit mehr mit dem Wagen als wohl nötig wäre.

Trotz alledem sage ich: »Ich mag keine Beschwerden über zu hohe Benzinpreise mehr hören.«
Ob auf Facebook, Google+ oder den diversen Nachrichtenseiten – allen voran sueddeutsche.de in den letzten Tagen – überall schallt einem entgegen, dass Sprit so teuer sei wie nie und wie furchtbar das doch sei. Auf Facebook wird das Thema gern gepaart mit der Aufforderung, empörte Bildern und Cartoons vereint im Protest mit anderen zu teilen.
Das Spiel wiederholt sich seit Jahr und Tag, meist zu Beginn oder Ende der Ferienzeit. Jedes Mal ein einziges Déjà-vu. »Damals, vor X Jahren, konnte ich noch für 20 Mark volltanken. Damit komm ich heute kaum noch zum Supermarkt!« »Was soll der kleine Arbeiter denn machen, der auf das Auto angewiesen ist um zur Arbeit zu kommen?« »Es kann sich nicht jeder ein neues, spritsparenderes Auto leisten!«
Die Schuldfrage ist auch geklärt: Die bösen Konzerne, die bösen Steuern, die bösen Grünen, die bösen Politiker im Allgemeinen.

Was mich daran so ausgesprochen nervt: An der Preisentwicklung, speziell zur Urlaubszeit, hat sich in den letzten 20 bis 25 Jahren nichts grundlegendes geändert. Ich erinnere mich noch daran, wie – da war ich noch keine 10 Jahre alt – Vater und Großvater über die Benzinpreissteigerungen um Ferientermine herum sprachen. Das Wehklagen konnte ich nie ganz nachvollziehen. In anderen Bereichen ist es normal, dass die Preise mit der Nachfrage steigen. In der Hauptsaison bezahle ich mehr für den Ferienflieger in den Süden oder fürs Hotel, Listenpreise gelten eher für gut nachgefragte Güter, usw. Opa tankte schon immer antizyklisch die Heizöltanks schön im Sommer voll, nicht im Winter. Von Eichhörnchen und Hamstern ließ sich offensichtlich viel lernen.
Bloß ein Chor an Autofahrern und ihren Verlautbarungsorganen findet, dass Benzin irgendwie von dieser Regel – eigentlich generell von jeder Art Preissteigerung – ausgenommen sein sollte. Schlimmer noch: Dieser Chor ist obendrein ausgesprochen lernresistent. Ähnlich jemandem, der sich permanent über die Schwerkraft beschwert, weil ihm einmal pro Woche die Einkaufstasche reißt.

Es gibt einige vielverwendete Entgegnungen auf die Spritpreismeckerei. Die meisten beginnen mit »Benzin ist noch nicht teuer genug, wenn…« und enden zum Beispiel mit »…der Nachbar die 200 Meter zum Einkaufen mit dem Auto fährt«, »…bei sichtbarer roter Ampel immer noch Gas gegeben und überholt wird«, »…Image und Größe beim Kauf immer noch wichtiger sind als der Verbrauch«, »…90% der Leute allein zur Arbeit fahren statt Fahrgemeinschaften zu bilden«. Und so weiter, bevor wir überhaupt großartig einsteigen in Themen wie Staus, Landschaftsverbrauch, Zeitverschwendung, usw.
Es ist ein bisschen vorhersehbar, dass diese Einwände kommen; nervig obendrein, weil jeder (ich eingeschlossen) Punkte findet, an die er sich nicht hält. Das ändert aber nichts daran, dass jeder dieser Einwände in meinen Augen vollkommen gerechtfertigt ist.

Man kann sich letztlich auch schlecht mit Einzelfällen und jeweils persönlichen Umständen herausreden. Laut Kraftfahrtbundesamt ist in den letzten zehn Jahren das durchschnittliche Kfz-Gewicht bei Neuzulassungen um 8,8% (absolut: 119kg) gestiegen. Die durchschnittliche Leistung stieg gar um 16,5% (von 85 auf 99 kW, d.h. 113 auf 132 PS). Ja, der durchschnittliche Verbrauch sank ebenfalls, – wie viel stärker hätte die Verbrauchsreduzierung aber ausfallen können, wenn man Einsparungen nicht durch höheres Gewicht und im Schnitt 6,8 kW (9,1 PS) zusätzlich pro 100kg Leergewicht konterkariert hätte?

Der schlimme erhobene Zeigefinger, ich weiß. Wobei natürlich jeder sich einen prestigeträchtigen BMW 320i statt eines kleineren Modells zulegen darf, das dieselbe Beförderungsleistung (täglich 1 Person zur Arbeit, alle paar Wochenenden drei oder vier Personen zu Oma und Opa) ebensogut erledigt, bloß mit weniger Verbrauch. Wer will, kann sich den SUV als Lifestyle-Gerät in die Garage stellen, einen altmodischen Kavalierstart hinlegen um die Damen zu beeindrucken oder wegen der billigeren Mieten nach außerhalb ziehen und jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit fahren.
Bloß: Sich dann noch über die Spritpreise zu beschweren, grenzt an Schizophrenie.

Mehr zum Thema:
Tagesschau.de: „Wohin steuert die Autowelt?“
DLF (Georg Ehring): „Benzin ist immer noch zu billig“

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